Drei Freunde verabredeten sich, um den verbotenen Dachboden von Marius zu erkunden. Marius’ Eltern waren den ganzen Tag unterwegs und so konnten die Drei den Dachboden ungestört erkunden.
»Warum haben dir deine Eltern nur verboten den Dachboden zu betreten?«, fragte Adrian gespannt. »Vielleicht weil dort ein gefährliches Tier haust?«
»Oder vielleicht weil dort eine Leiche liegt?«, fuhr Julius fort.
»Das ist doch vollkommener Unsinn!«, beendete Marius die Vermutungen und zog einen kleinen Schlüssel aus seiner Hosentasche. »Dieser Schlüssel öffnet die Tür zum Dachboden. Ich habe ihn vom Nachttisch aus dem Schlafzimmer meiner Eltern.«
Aufgeregt schlichen sie sich ins Obergeschoss und schoben einen Stuhl unter die Dachbodentür, damit Marius die Tür aufschließen konnte. Vorsichtig schob er den letzten Riegel zur Seite und öffnete die Tür, sodass die staubige Leiter langsam und knirschend zu Boden gleiten konnte.
»Ich gehe als Erster«, sagte Marius und schluckte. Schon seit Jahren fragte er sich, was sich auf dem Dachboden befand, jedoch hatte er nie die Möglichkeit gehabt das herauszufinden. Jetzt war die Chance endlich gekommen.
Zögernd kletterte er eine Stufe nach der anderen hinauf. Adrian folgte ihm. Oben angekommen befand er sich in einem fast leeren Raum. Durch eine Dachfensterschräge fiel ein bisschen Sonnenlicht in den ansonsten dunklen Dachboden.
Nun stand auch Adrian aufrecht neben ihm und Julius kletterte gerade die letzten Stufen hinauf.
»Hier ist ja gar nichts«, sagte Julius enttäuscht, als er sich ein paar Sekunden lang umgesehen hatte.
»Doch«, erwiderte Marius und deutete auf einen Spiegel, der unauffällig an der Wand hing. Behutsam näherte er sich dem seltsamen Gebilde mit dem hölzernen Rahmen, doch je näher er kam, desto verschwommener wirkte sein Spiegelbild. Erst als er direkt davor stand und ihn genauer betrachtete, bemerkte er die winzig kleinen Wellen auf der Spiegeloberfläche. Es war, als würde er auf einen ruhigen See herabsehen.
»Kommt mal her«, sagte er schließlich. »Seht ihr auch diese Wellen auf dem Spiegel?«
Adrian war der Erste, der sich regte, und nickte, als er auch etwas näher gekommen war. Sein Mund stand offen vor Erstaunen. Julius fand das Ganze offensichtlich etwas unheimlich und es dauerte ein paar Sekunden, bis auch er schließlich näher trat.
»Das ist ja unglaublich«, meinte Julius und er hob einen Finger, um die Spiegeloberfläche zu berühren. »Es fühlt sich an wie Wasser.«
Er tauchte seine Hand immer tiefer in die kalte Flüssigkeit. Immer größere Wellen schossen über die zuvor ruhige Oberfläche und nur einen Moment später zog der Spiegel erst Julius Arm unter Wasser und kurz darauf verschluckte er seinen ganzen Körper. Alles ging so schnell und erschien Marius so unrealistisch, dass er es nicht wagte Julius festzuhalten.
»Oh, nein«, schrie Adrian entsetzt. »Wo ist er hin?«
»Wir müssen ihn da wieder herausholen!«, sagte Marius entschlossen und hob ebenfalls einen Finger. »Du hältst mich fest und ich greife hinein, damit ich ihn wieder herausziehen zu kann.«
Adrian griff Marius’ linken Arm und hielt ihn mit aller Kraft fest, während Marius die Oberfläche des Spiegels berührte.
Julius hatte recht, es fühlte sich tatsächlich wie Wasser an. Als ob er einen Finger in einen Eimer voller kaltem Wasser tauchen würde.
Auch er tauchte seine Hand immer tiefer in die Flüssigkeit, in der Hoffnung jemand würde nach seiner Hand greifen und Julius wieder herausziehen können. Aber da war nichts. Stattdessen zog auch ihn das Wasser tiefer und tiefer unter seine Oberfläche. Genau wie eben bei Julius war nun sein ganzer Arm plötzlich im Spiegel gefangen.
»Schnell, zieh mich raus!«, rief er Adrian zu, der sich noch mehr an Marius’ Arm festklammerte und mit aller Kraft versuchte, ihm vom Spiegel zu trennen, doch es half nichts. Beide verloren augenblicklich den Halt und verschwanden in den tiefen des Spiegelwassers.

© Sebastian Noll, Dezember 2007 – Freigegeben zur Verbreitung und Vervielfältigung (mit Angabe des Urhebers)

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